Beschneidung vs. Zerschneidung


»Seht auf die Hunde, seht auf die bösen Arbeiter, seht auf die Zerschneidung! Denn wir sind die Beschneidung, die wir im Geist Gottes dienen und uns in Christus Jesus rühmen und nicht auf Fleisch vertrauen, obwohl auch ich Vertrauen auf Fleisch haben könnte.« (Philipper 3,2-4)

Im Gegensatz zu Timotheus und Epaphroditus beschreibt Paulus im heutigen Andachtstext böse Arbeiter, die das Ziel verfolgten, die Gemeinden mit Irrlehren zu verwirren sowie Streit und Spaltungen hervorzurufen. Eine bestimmte Gruppe von Menschen – die Judaisten – verfolgten das Ziel, die heidenchristlichen Gemeinden zu verführen und ihnen eine mosaische Gesetzestreue aufzuerlegen. Diese Judaisten wanderten gezielt von Gemeinde zu Gemeinde und hinterließen dort sehr viel Hader und Zerstörung. Sie stellten einen gezielten Angriff auf die zarten Pflanzen des Glaubens dar und untergruben die geistliche Autorität des Apostels Paulus, der die Rechtfertigung durch den Glauben predigte.

Diese und andere Gruppen waren böse Arbeiter, denn sie brachten wie Füchse mit brennendem Schwanz nur Verwüstung in den Acker des Herrn. Paulus bezeichnet sie als Hunde und ihre Wirkung als Zerschneidung. Auf der anderen Seite sieht sich Paulus als die Beschneidung. Worin liegt hier der bezeichnete Unterschied, zumal Paulus ja gerade im Gegensatz zu den Judaisten nicht von den Christen forderte, sich nach dem jüdischen Ritus beschneiden zu lassen? Beschneidung im Gegensatz zur Zerschneidung meint: während Paulus in dem wandelte, was Gottes Willen entsprach (so z. B. die Beschneidung als Gebot Gottes), durch seinen Dienst den Bund Gottes repräsentierte und Früchte des Lebens hervorbrachte, wandelten die Judaisten in dem Willen des Feindes, sie repräsentierten die Früchte des Todes und den Bund mit der Sünde.

Wenn eine Beschneidung eine Handlung beschreibt, die zwar schmerzhaft, aber dennoch exakt in dem Rahmen des göttlichen Willens ist, ist ein Zerschneidung eine überzogene Handlung, d. h. dem Willen Gottes wird etwas Menschliches hinzugefügt, dass am Ende nicht zu einer Verbesserung, sondern zu einer Verschlechterung führt, etwas, was nicht den Segen Gottes in sich birgt, sondern einen Fluch. Eine Zerschneidung ist somit eine Beschneidung mit menschlichem Übermaß vermengt. D. h. es wird versucht, ein geistliches Prinzip durch menschliche, eigensüchtige und manipulative Aspekte zu ergänzen. Die Judaisten wollten den Menschen neben dem Evangelium das Gesetz aufbürden, was an sich die Botschaft des Evangeliums zunichte gemacht hätte.

Diese beiden Seiten – Paulus und das Evangelium sowie die Judaisten mit den Ketten des religiösen Gesetzes, Gnade und Segen des Geistes auf der einen Seite, Zwang und Fluch des Fleisches auf der anderen Seite – stellen das Spannungsfeld dar, in dem wir täglich wandeln. Immer wieder unterliegen wir der Versuchung, das Wollen und Wirken des Geistes mit unseren fleischlichen Interessen, Neigungen und Begierden zu verwässern. Paulus dient im Geist und rühmt sich in Christus anstatt auf das Fleisch zu vertrauen, d. h. auf das eigene Vermögen, den eigenen Willen und die eigene „Größe“. Genau hier müssen wir uns zu jederzeit fragen, inwieweit wir die Stelle des Heiligen Geistes übernehmen, indem wir bestimmte Werke aus dem eigenen Vermögen heraus vollbringen wollen, den eigenen Willen vor den des Geistes stellen und auf die eigenen Kompetenzen vertrauen.

Wir dürfen heute ganz neu darüber nachdenken, wo wir genau auf unser Fleisch anstatt auf den Geist vertrauen, wo wir uns unserer selbst anstatt Christi rühmen. Wo wir Zerschneidung anstatt Einheit im Geist hervorbringen. Dies alles kann unser Heiler und König verändern, dazu ist er überhaupt erst gekommen. Er formt uns und durch uns gemeinsam die Gemeinschaft und dadurch sein Königreich. Amen.


Autor: Robin J. Malloy

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