»Ihr kennt aber seine Bewährung, dass er, wie ein Kind dem Vater, mit mir für das Evangelium gedient hat. Diesen nun hoffe ich sofort zu senden, wenn ich meine Lage übersehe. Ich vertraue aber im Herrn darauf, dass auch ich selbst bald kommen werde.« (Philipper 2,22-24)
Paulus vereinigt in seinem Führungsstil in nahezu optimaler Weise zwei Ebenen, die in der Führungslehre als die zwei wesentlichen Ziele der Führung bezeichnet werden. Es handelt sich dabei um die Lokomotion (d. h. die Bewegung zum Ziel hin, Zielgerichtetheit und Leistungserbringung) sowie die Kohäsion (Anziehung, Zusammenhalt der Gemeinschaft, Einheit in den Beziehungen). Diese beiden Begriffe wurden von dem Psychologen Kurt Lewin geprägt und meines Erachtens stellen sie die beiden Pole der besonderen Herausforderung einer Führungskraft dar. Auf der einen Seite ist es die Aufgabe der Führungskraft, bei seinen Mitarbeitern Leistung hervorzubringen und diese auch zu bewerten, zum anderen ist es seine Aufgabe, ein fürsorgliches, vertrauensvolles, offenes und wertschätzendes Klima zu gewährleisten.
Paulus spricht in dem heutigen Bibeltext beide Ebenen an. Zum einen verweist er auf die Bewährung des Timotheus, was sich auf seine Hingabe, seine Ausdauer, seine Leidensbereitschaft, seine Disziplin und seine Selbstinitiative im Hinblick auf den konkreten Auftrag der Verkündigung des Evangeliums bezieht. Ja, der Dienst am Evangelium ist auch Arbeit, Herausforderung und ein Werk, d. h. eine Leistung, die erbracht werden muss. Dass es sich bei dem Dienst am Hause Gottes um Arbeit oder eine Leistung handelt, hat wiederum nichts mit Werksgerechtigkeit zu tun, denn die erbrachte Leistung erfolgt nicht für die Erlösung, sondern aufgrund der Erlösung durch die Kraft des Heiligen Geistes.
Dennoch muss hier hervorgehoben werden, dass Timotheus sich bewährt hat. Dies bedeutet, dass es auch möglich ist, sich nicht zu bewähren. Das Neue Testament gibt uns mannigfach Zeugnis davon ab, dass es möglich ist, eines Tages nicht als guter und treuer Knecht bezeichnet zu werden, wenn wir nicht bereit sind, uns im Dienst am Reich Gottes zu bewähren. Paulus „bewertet“ somit Timotheus´ Dienst und kommt zu dem Schluss, dass diesem Verantwortung für Menschen übertragen werden kann.
Gerade im Hinblick auf den „Wert“ muss jedoch beachtet werden, dass Paulus nicht nur die Führungsaufgabe der Lokomotion – also der Leistungserzeugung – lebt, sondern auch der Kohäsion. Paulus bewertet den Dienst des Timotheus aufgrund seines gezeigten Verhaltens, aber er bewertet den Menschen Timotheus auf der Grundlage seiner Beziehung zu ihm. Diese Beziehung zwischen Paulus und Timotheus beschreibt Paulus als die eines Vaters zu seinem Kind. Er liebt Timotheus wie seinen Sohn und analog zu Jesus bestimmt Paulus den Wert des Menschen nicht durch seine Leistungen, sondern durch seine Gotteskindschaft.
Ein guter Leiter ist wie ein guter(!) Vater, der fürsorglich ist, ohne zu bevormunden, der liebevoll ist, ohne zu verhätscheln, der hilfreich ist, ohne zu ersticken, der weisend und ermahnend ist, ohne zu unterdrücken. Wer liebt wie ein Vater, nimmt dabei bedingungslos an, ist aber gegenüber den Leistungen nicht gleichgültig, denn jeder gute Vater oder jede gute Mutter will, dass das Kind sich bewährt, seine Potentiale entdeckt und gute Werke hervorbringt.
Die Beziehung zwischen Paulus und Timotheus ist beispielhaft und spiegelt die Beziehung des Herrn zu uns wieder. Er ist uns Vater und Herr, Heiler und Meister zugleich. Über unsere Beziehung zu Jesus hinaus ist es jedoch wichtig, innerhalb einer geistlichen Gemeinschaft eine Beziehung zu jemandem zu pflegen, der Leiterschaft im Sinne des Paulus ausübt, der sein Leben dafür einsetzt, dass der Einzelne die Gewissheit der Gotteskindschaft und damit der eigenen Stellung gewinnt und erhält und darüber hinaus alles daran setzt, damit der Einzelne sich in seinem Dienst am Reich Gottes bewähren kann. Dies sind die Aufgaben wahrer und guter Leiterschaft. Amen.
Autor: Robin J. Malloy
Schlagworte: Führung, Führungskraft, Kohäsion, Leiterschaft, Lokomotion
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