Der Leiter als geistlicher Vater


»Denn ich hatte viel Freude und Trost wegen deiner Liebe, weil die Herzen der Heiligen durch dich, Bruder, erquickt worden sind. Deshalb, obwohl ich große Freimütigkeit in Christus habe, dir zu gebieten, was sich ziemt, bitte ich doch vielmehr um der Liebe willen als ein solcher, wie ich bin, Paulus, der Alte, jetzt aber auch ein Gefangener Christi Jesu. Ich bitte dich für mein Kind, das ich gezeugt habe in den Fesseln, Onesimus, der dir einst unnütz war, jetzt aber dir und mir nützlich ist. Den habe ich zu dir zurückgesandt – ihn, das ist mein Herz. Ich wollte ihn bei mir behalten, damit er statt deiner mir diene in den Fesseln des Evangeliums. Aber ohne deinen Willen wollte ich nichts tun, damit deine Wohltat nicht wie gezwungen, sondern freiwillig sei. Denn vielleicht ist er deswegen für eine Zeit von dir getrennt gewesen, damit du ihn für immer besitzen sollst, nicht länger als einen Sklaven, sondern mehr als einen Sklaven, als einen geliebten Bruder, besonders für mich, wie viel mehr aber für dich, sowohl im Fleisch als auch im Herrn.« (Philemon 1,7-16)

Was können wir noch von Philemon lernen, über seine Liebe und seinen Glauben hinaus, der in der Erkenntnis des Guten wirksam wird? Philemon schien ein geistlicher Leiter zu sein, da er Verantwortung für das geistliche Wachstum und die geistliche Reife von anderen Heiligen übernommen hatte. Paulus lobte ihn für die Liebe zu Christus und für die Heiligen und dass die Herzen vieler Heiligen durch ihn erquickt worden sind. Dabei denke ich an die Worte Jesu aus Matthäus 11,28: “Kommt her zu mir, alle ihr Mühseligen und Beladenen! Und ich werde euch Ruhe gebe.“ (rev. Lutherübersetzung) Philemon war Christus ähnlich, weil andere Christen durch ihn Erquickung, also Ermutigung, Zurechtweisung und Kraft des Heiligen Geistes empfingen.

Eben weil Philemon ein liebevoller und tüchtiger Leiter im Reich Gottes war, konnte Paulus ihn für Onesimus bitten. Paulus bittet Philemon, Onesimus zu schonen und ihn wieder aufzunehmen, nicht als Sklaven, sondern vielmehr als geliebten Bruder. Dabei macht Paulus durch seine Worte noch einmal deutlich, was der größte Ausdruck der geistlichen Leiterschaft ist, der eines geistlichen Vaters: „Ich bitte dich für mein Kind, das ich gezeugt habe in den Fesseln, Onesimus, der dir einst unnütz war, jetzt aber dir und mir nützlich ist.“ Paulus bittet für Onesimus wie für ein Kind, das er selbst gezeugt hat! Paulus hat Onesimus zu Christus geführt und ihn geistlich genährt. Er liebte Onesimus wie seinen eigenen Sohn und dies ist die höchste Form der geistlichen Leiterschaft!

Paulus hätte nach eigenem Bekunden Philemon auch anweisen können, Onesimus aufzunehmen, aber er tat es nicht. Vielmehr gab er Philemon ein Beispiel der Liebe und appellierte an das, was grundsätzlich schon in Philemon angelegt war, er musste ihn nicht zwingen, das wusste er, weil er das Herz des Philemon kannte. Dies ist ein weiteres Merkmal guter Leiterschaft, ein geistlicher Leiter kennt die Stärken und Schwächen seiner Leute und weiß, wann er dirigieren muss und wann er vertrauensvoll auf Augenhöhe appellieren kann. Paulus spricht mit Philemon auf Augenhöhe.

Für die einen sind wir geistliche Brüder, für die anderen geistliche Leiter und wieder für andere geistliche Väter und Mütter. Geistliche Väter sind Menschen, die andere Menschen zu Christus führen und sie dann fürsorglich leiten und nähren bis der Zeitpunkt gekommen ist, sie los- und weiterziehen zu lassen, wobei die geistliche Verantwortung dann nicht endet, wie wir bei Paulus und Onesimus sehen können. Ein geistlicher Vater sorgt für das Fortkommen des geistlichen Kindes und dafür, dass es dem Kind auch in der Zukunft gut geht. Amen.


Autor: Robin J. Malloy

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