Die herzliche Liebe Christi


»Denn Gott ist mein Zeuge, wie ich mich nach euch allen sehne mit der herzlichen Liebe Christi Jesu.« (Philipper 1,8)

Wenn es um das Thema Liebe im Kontext des Neuen Testamentes geht, beginnen wir nicht selten genau zu analysieren, was mit dieser Liebe gemeint ist. Hinlänglich bekannt ist schließlich, dass es im Griechischen mehrere Begriffe für das deutsche Wort Liebe gibt, welche vermutlich unterschiedliche Formen der Liebe – z. B. von der erotischen Liebe über die freundschaftliche Liebe bis hin zur hingebungsvollen Liebe von Christen untereinander – meinen können. Es ist ja kaum zu leugnen, dass Liebe ganz unterschiedlich ist, abhängig von dem jeweiligen Beziehungskontext, von dem gerade die Rede ist. Eltern lieben ihre Kinder anders als beispielsweise Ehepartner einander lieben.

In der Revidierten Elberfelder Übersetzung wird im heutigen Andachtstext auch von Liebe gesprochen, mit der sich Paulus nach den Philippern sehnt. Strong´s griechisches Wörterbuch übersetzt das im Original hier verwendete Wort „splagchnon“ mit sanfter oder zärtlicher Barmherzigkeit oder innerer emotionaler Zuneigung. Es geht hier also nicht nur um eine „Kopfliebe“, eine kognitive Entscheidung zur Hingabe, sondern um eine innere, auch emotionale Liebe. Die starke Trennung zwischen Körper, Seele und Geist ist dem antiken griechischen Denker näher als dem Juden, welcher den Menschen als eine Einheit sieht. Paulus Liebe zu den Philippern ist eine ganzheitliche Liebe, welche auch seine Gefühle einschließt. Es ist eben eine herzliche Liebe, eine Liebe von ganzem Herzen.

Dieses Herz ist im jüdischen Kontext das Zentrum des Menschen, das seine Gedanken, seinen Willen und seine Gefühle umfasst. Diese ganzheitliche Liebe fordert auch das Gebot, wenn es heißt, dass wir Gott von ganzem Herzen lieben sollen. Diese Liebe des Paulus zu den Philippern ist eine ganzheitliche, eine „Herzensliebe“ und sie ist eine Liebe, wie sie auch Christus empfindet. Die Evangelien geben uns ein vielfaches Zeugnis für die zärtliche, empfindsame Liebe Christi gegenüber den Menschen. Nicht selten weint Jesus aus Liebe und Mitleid zu den Menschen. Paulus sehnt sich nach Gemeinschaft mit den Philippern mit dieser „herzlichen Liebe Christi“, die den ganzen Menschen umfasst. Gerade weil es eine Liebe des Herzens ist, führt Paulus Gott als Zeugen auf, weil allein dieser unser Herz wirklich kennt.

So häufig betonen wir die Tatsache, dass Christen nicht von den Emotionen gesteuert sein sollen, sondern von dem Glauben und der Vernunft, welche sich in einem Willensentschluss manifestieren. Es ist richtig, dass wir Liebe nicht mit „netten Gefühlen“ verwechseln sollen und die Entscheidung, den Nächsten lieben zu wollen, nicht erst zu treffen, wenn „die Chemie“ stimmt. Dennoch dürfen wir verstehen, dass Gott immer den ganzen Menschen meint und dass die Liebe Christi eine Liebe des ganzen Herzens, eben eine herzliche Liebe ist. Wenn wir ganz erneuert werden wollen, dann dürfen sich auch unsere Emotionen in die Emotionen Christi verwandeln. Wir dürfen uns nicht zufrieden geben, solange unsere Gottes- und Nächstenliebe nicht ein wirkliches Sehnen nach dem anderen ist, wie das Sehnen des Paulus in dem heutigen Andachtstext. Die Frucht der Liebe ist eine Liebe mitfühlender, gar zärtlicher Barmherzigkeit (engl.: tender mercy). Paulus sehnt sich tatsächlich nach „allen“ in der Gemeinde in Philippi mit dieser Liebe. Es darf also noch einiges verwandelt werden in unseren Herzen. Amen.


Autor: Robin J. Malloy

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