»Ihr aber habt den Christus nicht so kennengelernt. Ihr habt ihn doch gehört und seid in ihm gelehrt worden, wie es Wahrheit in Jesus ist: dass ihr, was den früheren Lebenswandel angeht, den alten Menschen abgelegt habt, der sich durch die betrügerischen Begierden zugrunde richtet …« (Epheser 4,20-22)
Der heutige Andachtstext stellt für mich eine tiefe Offenbarung dessen dar, was Jüngerschaft eigentlich ist. Der Begriff Jünger ist für unsere Zeit und unseren gesellschaftlichen Kontext ein unüblicher Begriff, den man in der Regel mit religiösen Gruppierungen in Verbindung bringt, nicht jedoch im Kontext herkömmlicher Bildung und Erziehung gebraucht. Im jüdischen Kontext war ein Jünger ein Schüler, ein Auszubildender, der von einem Meister etwas dadurch erlernte, dass er sein Handeln beobachtete, es imitierte und so letztlich dessen Fähigkeiten übernahm. Im kognitiven Bereich waren Jünger diejenigen, die eine bestimmte Lehre eines Meisters aufnahmen, verinnerlichten und weitertrugen.
Jüngerschaft bedeutete also grundsätzlich – auch dies wird in dem heutigen Andachtstext genannt – zu sehen, zu hören und zu lernen! Ein weiterer Aspekt der jüdischen Form der Jüngerschaft, die hier hervorgehoben werden sollte, ist, dass die Jüngerschaft oft nicht im institutionellen Rahmen erfolgte, sondern vielmehr nahmen die Jünger am gesamten Leben des Meisters teil und „wandelten“ mit ihm in allen Situationen des Lebens. Nun kommen wir zu der Tiefendimension der christlichen Jüngerschaft. Christliche Jüngerschaft bedeutet nicht nur auf Christus zu schauen, auf ihn zu hören und von ihm zu lernen, sondern vielmehr sogar, den alten Menschen abzulegen und Christus anzuziehen!
Jüngerschaft im Sinne des Neuen Testamentes ist ein transformativer Prozess der Veränderung. Diese Veränderung beinhaltet zwei Schritte, das Ablegen des Alten und die Neuwerdung. Jüngerschaft im biblischen Sinne ist also nicht eine Anpassung an die äußere Umwelt, sondern eine inwendige Verwandlung, die dann auch nach außen tritt. Jüngerschaft bedeutet nicht, das Verhalten zu ändern, sondern durch ein neues Herz und ein neues Denken zu einem neuen Verhalten zu gelangen. Wir sollen den alten Menschen ablegen, der sich durch die betrügerischen Begierden zugrunde richtet und dieses Ablegen des alten Menschen geschieht am Kreuz. Dort am Kreuz hängt mit Christus unser alter Mensch, zum Tode verurteilt, in seinen letzten Zügen.
Jüngerschaft im christlichen Sinne ist also ein Prozess des Sterbens und der Auferstehung. Jüngerschaft bedeutet, dass unser alter Mensch mit seinen Begierden und Leidenschaften stirbt und der neue Mensch wächst und wächst. Jesus sagt, dass der Jünger nicht größer ist als der Meister, wenn also der Meister bereit sein musste, sich selbst aufzugeben, dann müssen wir als Jünger es auch sein. Jüngerschaft in diesem Sinne bedeutet also, Gott so ergeben und hingegeben zu sein, dass wir mit Paulus sprechen können: nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir“ (Galater 2,20)! Amen.
Autor: Robin J. Malloy
Schlagworte: alter Mensch, Jüngerschaft, Kreuz, neues Denken, neues Herz, Verwandlung
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