»… wenn irgendein herzliches Mitleid und Erbarmen …« (Philipper 2,1)
In Fortsetzung zur gestrigen Andacht wollen wir die nächsten Merkmale der Gemeinschaft in Christus reflektieren. In dem heutigen Text finden wir zunächst einmal herzliches Mitleid und Erbarmen. Verschiedene wissenschaftliche Disziplinen beschäftigen sich mit dem Phänomen der Sprache in Wort und Schrift. Eine solche wissenschaftliche Disziplin ist die Sprachphilosophie, die seit Jahrhunderten das Wesen der Sprache, der Worte und Zeichen, Sätze und der Verwendung der Sprache erforscht. So alt diese Wissenschaft ist, so viele verschiedene Theorien gibt es darüber, was Worte genau sind. Eine solche Theorie ist die „mentalistische Theorie der Bedeutung“. Ausgehend davon sind Worte Ausdruck einer Bedeutung, die wir bspw. einem Gegenstand geben, wobei die Bedeutung in unserem Geist (mental) bereits unabhängig von dem Gegenstand besteht. Andere Philosophen wiederum lehnen die Existenz einer solchen mentalen Bedeutung oder Idee (Aristoteles) ab. Unsere subjektive Erfahrung zeigt jedoch, dass jedes Wort in uns so etwas wie ein subjektives Bild oder ein Empfinden hervorruft, was ganz unterschiedlich sein kann. Dies ist deshalb in der Kommunikation interessant, weil jeder Beteiligte am Gespräch vielleicht eine etwas andere Bedeutung mit einem Wort, ein anderes mentales Bild, verbindet.
Welches mentale Bild verbinden wir mit herzlichem Mitleid und Erbarmen? Vielleicht denken wir dabei an eine bestimmte Person der Kirchengeschichte wie z. B. St. Elisabeth oder Mutter Theresa. Wenn Menschen aus verschiedenen Kulturen oder Generationen dieselben Bilder entwickeln, spricht man in diesem Zusammenhang von einem Archetyp, einem Ur-Bild, was eine kollektive Bedeutung hat. Die mentalen Bilder, die bei uns entstehen, sind also sehr häufig überliefert. Was hat das jedoch alles mit dem heutigen Andachtstext zu tun? Das Problem mit den mentalen Bildern oder Archetypen ist, dass wir das Wort voreingenommen interpretieren, was wiederum auf unser Handeln maßgebliche Wirkung hat. Wenn wir z .B. herzliches Mitleid und Erbarmen mit einem bestimmten Bild verbinden, kann dies dazu führen, dass wir die beiden Wesensmerkmale auf eigenartige Weise verdrehen, abheben oder von der Realität so sehr entfremden, dass wir sie faktisch nicht mehr umsetzen. Dies könnte z. B. bedeuten, dass wir herzliches Mitleid und Erbarmen ausschließlich mit bestimmten Personengruppen verbinden – wie z. B. sozialen Randgruppen. So setzen wir uns eine Maske des Erbarmens auf, wenn wir einem Obdachlosen begegnen, aber gegenüber unserer Ehefrau, den Kindern oder den Arbeitskollegen verhalten wir uns grob und ungebührlich.
Jetzt könnte ich wieder zur Sprachphilosophie zurückkommen. Worte erhalten ihre Bedeutung nicht nur durch die mentalen Bilder des Einzelnen, sondern auch durch den Kontext, in dem sie verwendet werden. D. h. wir dürfen bestimmte Begriffe der Bibel nicht derart verzerren, dass sie mit unserer Realität nichts mehr zu tun haben, sondern sie in unserem jeweiligen Kontext betrachten. Was heißt herzliches Mitleid und Erbarmen in meinem Kontext? Vielleicht bedeutet es, meinem Kollegen, welcher eine Arbeit nur unzureichend verrichten kann, zu helfen. Vielleicht bedeutet es ein versöhnliches Wort gegenüber unseren Kindern etc. Was ein Wort bedeutet, zeigt sich also in einer konkreten Situation, die ganz anders aussehen kann, als unsere übliche mentale Bedeutung des Wortes es suggeriert. Diese Erkenntnis ist mir so wichtig und relevant, dass ich sie noch einmal verdeutlichen will:
Wir verbinden mit den Worten herzliches Mitleid und Erbarmen in unserem Kopf das Bild von Mutter Theresa, wie sie armen Straßenkindern hilft. Wann immer wir armen indischen Kindern begegnen (was ja relativ selten vorkommt) oder sehr ähnliche Kontexte erfahren, empfinden auch wir Mitleid oder wir tun zumindest so. Viel häufiger jedoch – vielleicht täglich - werden wir z. B. mit unserem Vorgesetzen konfrontiert, der weder ein Kind, noch hungrig, noch arm ist und uns darüber hinaus noch falsch behandelt hat. Er zeigt vielleicht Symptome der Überbelastung, ist nervös und reagiert harscher als gemeint. Können wir auch für diesen Menschen herzliches Mitleid, ein Mitfühlen aus dem Herzen und Erbarmen zeigen, das eine aktive Umsetzung des Mitleides zur Linderung des Leidens meint?
Wir abstrahieren und verherrlichen die Worte derart ins Unendliche, dass sie mit unserem Alltag nichts mehr zu tun haben und somit ihren Anspruch verlieren. Wir haben so feste religiöse Bilder im Kopf, dass wir blind sind für unsere Umgebung. Was ein Wort der Bibel für uns bedeutet, erkennen wir an den Anforderungen des Alltags. Wir denken dabei an die Beantwortung der Frage an Jesus: „Wer ist mein Nächster?“ Amen.
Autor: Robin J. Malloy
Schlagworte: Archetyp, Erbarmen, Gemeinschaft, mentales Bild, Mitleid
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