Leben aus der Gnade Gottes


»Kein faules Wort komme aus eurem Mund, sondern nur eins, das gut ist zur notwendigen Erbauung, damit es den Hörenden Gnade gebe!« (Epheser 4,29)

Eines der stark umstrittenen Themen der Kirchengeschichte behandelt die Frage nach dem Verhältnis der Gnade Gottes auf der einen Seite und der Verantwortung des Menschen für sein Handeln auf der anderen Seite. Wer sich intensiver mit dieser Fragestellung beschäftigt und dabei die klassischen Positionen liest und nachvollzieht, wird feststellen, dass es sich hierbei um kein leichtes Thema handelt. Sei es Augustinus vs. Pelagius oder Arminius vs. Calvin, es dreht sich im Kern um die Frage nach dem freien Willen, d. h. darum, ob der Mensch wirklich in der Lage ist, sich frei für oder gegen Gott, für oder gegen den Gehorsam gegenüber Gott, entscheiden zu können oder ob es letztlich allein die Gnade Gottes war, die den Menschen dazu geführt hat, Gott gehorsam zu sein.

Auch in Bezug auf die Heiligung des Lebens spielt diese Frage eine Rolle: werden wir allein durch Gottes Handeln geheiligt oder müssen wir etwas dazu beitragen, d. h. uns bemühen, darum kämpfen etc. Das biblische Zeugnis weist eine gewisse Zweideutigkeit auf: zum einen lesen wir Bibelstellen in denen es heißt, dass wir bereits heilig sind, dass allein Christus unsere Heiligkeit ist und wir ohne Gott nichts tun können, auf der anderen Seite werden wir ermahnt, nach der Heiligkeit zu streben, mit allen Kräften gegen die Sünde zu kämpfen, ja der Heiligkeit nachzujagen!

Für mich sind diese beiden Aspekte kein Widerspruch. Ich glaube grundsätzlich, dass alles (auch unsere eigenen Entscheidungen etc.) von der Gnade Gottes abhängig ist. Wir können nichts tun, wenn es uns nicht von Gott geschenkt worden ist. Dennoch sollen wir unseren Beitrag insofern leisten, als dass wir uns immer wieder bewusst für den Gehorsam entscheiden, Gott suchen, uns von seiner Kraft abhängig machen und uns Gott hingeben und gute Werke hervorbringen. Im Nachhinein(!), d. h. nachdem wir verantwortungsvoll und hingegeben auf den Geist hören, Entscheidungen treffen und handeln, werden wir feststellen und Gott dafür danken können, dass es die Gnade und Güte Gottes war, die uns letztlich dazu geführt hat, das Richtige zu wollen und zu tun, denn sowohl das Wollen als auch das Vollbringen kommt von Gott! Diese Meinung begründe ich mit folgendem Vers, der beides, die Ermahnung an uns und das gleichzeitige Bewusstsein der völligen Abhängigkeit von Gott zusammenfasst:

“Daher, meine Geliebten – wie ihr allezeit gehorsam gewesen seid, nicht nur in meiner Gegenwart, sondern jetzt noch viel mehr in meiner Abwesenheit -, bewirkt euer Heil mit Furcht und Zittern! Denn Gott ist es, der in euch wirkt, sowohl das Wollen als auch das Wirken zu seinem Wohlgefallen.“ (Philipper 2,12-13)

Paulus ermahnt die Christen mit Frucht und Zittern das eigene Heil zu bewirken (d. h. alles daran zu setzen, eine Entscheidung zu treffen, mit Ausdauer darum zu ringen), verweist aber gleichzeitig darauf, dass selbst das Wollen von Gott kommt! Die Nähe zu Gott, das Wandeln im Geist, bringt das gute Werk hervor, denn wer im Geist wandelt, wird die Werke des Fleisches nicht vollbringen! Was hat all dies mit dem heutigen Andachtstext zu tun? Wir sollen uns entscheiden, Gutes zu reden und kein faules Wort aus unserem Munde kommen zu lassen. Wir sollen nicht die Lüge aussprechen, sondern die Wahrheit, nicht Fluch, sondern Segen.

Dies sollen wir wollen, bestreben und darum ringen. All dies jedoch in dem Bewusstsein, dass wir „von selbst“ so reden werden, wenn wir den Geist in uns wirken lassen und die Gnade Gottes, sein Licht und sein Segen in uns mehr Raum nimmt, als die Finsternis. Wenn unser Herz voll ist mit Gott und seiner Liebe, werden wir gar nicht anders können, als Gutes zu reden. Unser Bestreben, die richtigen Werke zu vollbringen, ist also letztlich immer ein Bestreben nach Gottes Gegenwart, durch die alles Gute hervorgebracht werden kann und wird, im Denken, Reden und Handeln. Wenn wir aus der Gnade schöpfen, werden wir anderen die Gnade darreichen können. Amen.


Autor: Robin J. Malloy

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