Liebe und Erkenntnis


»Und um dieses bete ich, dass eure Liebe noch mehr und mehr überreich werde in Erkenntnis und aller Einsicht, damit ihr prüft, worauf es ankommt  …« (Philipper 1,9-10)

Nahtlos knüpft der heutige Bibeltext an die gestrige Andacht an, in der es um die Liebe ging. Paulus sehnte sich nach den Philippern mit einer herzlichen Liebe, die auch mit mitfühlender oder gar zärtlicher Barmherzigkeit umschrieben werden kann. In der gestrigen Andacht lag der Schwerpunkt auf der Empathie, darauf, dass unsere Liebe so „echt“ sein darf, dass selbst unsere Emotionen mit eingebunden werden. Jesus selbst weinte nicht selten, wenn er von dieser mitfühlenden Liebe zu Menschen überwältigt wurde, wie z. B. gegenüber seinem Freund Lazarus.

Die Liebe Jesu ist eine allumfassende Liebe, er liebte mit seinem ganzen Wesen. Ebenso, wie eine „echte“ Liebe unsere Emotionen umfassen darf, so gilt dies auch für unseren Verstand und unsere Erkenntnis. In dem heutigen Andachtstext wird eine für mich sehr interessante Verbindung dargestellt, die Verbindung zwischen der Liebe und der Erkenntnis. Paulus betet für die Philipper, dass ihre Liebe mehr und mehr überreich werde in der Erkenntnis und aller Einsicht. Dabei fällt mir ein, dass Paulus an anderer Stelle darauf hinweist, dass Erkenntnis „aufblähen“ kann, während die Liebe aufbaut.

Erkenntnis ohne Liebe führt zu einer (so würde es C.G. Jung sagen) „Inflation“ unseres Ichs. Das heißt, wir erheben uns aufgrund unserer Erkenntnis über den anderen. Paulus aber betet dafür, dass die Liebe überreich werde in der Erkenntnis, das bedeutet, sie durch die Erkenntnis wächst und umgekehrt, die Erkenntnis in der Liebe wächst. Interessanterweise wird im Alten Testament die körperliche Intimität zwischen Mann und Frau auch mit Erkennen bezeichnet. Die Frau und der Mann erkannten sich, womit die sexuelle Vereinigung gemeint war. Hier schon wird die Verbindung zwischen Liebe und Erkenntnis deutlich.

Gott zu erkennen heißt, ihn zu lieben und wenn wir ihn lieben, werden wir ihn mehr und mehr erkennen. Wenn wir ihn mehr und mehr erkennen, werden wir auch mehr verstehen und Einsicht gewinnen in Gottes Absichten, Pläne und in seinen Ratschluss. Es gibt also immer zwei Faktoren, welche uns zu einer „erfolgreichen“ und weisen Lebensführung verhelfen: die Liebe von und zu Gott sowie die Erkenntnis. Beide führen dazu, dass wir Einsicht haben (Einsicht von „einsehen“, „einen Einblick bekommen“) und dadurch prüfen können, worauf es ankommt. Ich glaube, dies gilt auch für unsere Beziehungen zu Menschen. Wenn Erkenntnis mit der Liebe einhergeht, werden wir die Weisheit besitzen, richtig mit Menschen umzugehen. Dadurch werden wir Menschen sogar noch mehr erkennen und lieben können!

Ich will es wie folgt zusammenfassen: Erkenntnis und Liebe führen zu einer Weisheit, die uns in die Lage versetzt, Beziehungen gestalten und das Leben „meistern“ zu können. Und woher kommen diese Erkenntnis und diese Liebe? Aus der intimen Beziehung zu Gott, die in dem Gebet ihren Ausdruck findet! Amen.


Autor: Robin J. Malloy

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