Merkmale eines geistlichen Leiters


»Denn der Aufseher muss untadelig sein als Gottes Verwalter, nicht eigenmächtig, nicht jähzornig, nicht dem Wein ergeben, nicht ein Schläger, nicht schändlichem Gewinn nachgehend, sondern gastfrei, das Gute liebend, besonnen, gerecht, heilig, enthaltsam, der an dem der Lehre gemäßen zuverlässigen Wort festhält, damit er fähig sei, sowohl mit der gesunden Lehre zu ermahnen als auch die Widersprechenden zu überführen.« (Titus 1,7-9)

In den Versen 7-9 führt Paulus weitere Merkmale auf, über die ein geistlicher Leiter verfügen sollte bzw. über welche Merkmale er nicht verfügen sollte. Ein geistlicher Leiter sollte nicht eigensinnig sein, nicht jähzornig, kein Säufer, nicht streitsüchtig und nicht schändlichen Gewinn suchend. In Bezug auf die Eigenschaft „Eigensinnigkeit“ ist mir bei der Lektüre des Buches „Führen mit Gefühl“ von R. Arnold eine Auflistung von Dimensionen systemischer Führungskompetenz begegnet, die ich gerne mit dem Wesensmerkmal „eigensinnig“ in Verbindung bringen möchte. R. Arnold skizziert die fünf Dimensionen einer systemischen Führung als

1. Fachliche Kompetenz und visionäre Kraft (Umgang mit Verantwortung)

Ein geistlicher Leiter sollte über viel Erkenntnis Jesu Christi verfügen und darüber hinaus über eine konkrete Berufung und Vision von Gott, ein Ziel von Gott, das in dem Leiter Begeisterung hervorruft und womit er andere begeistern kann. Eigensinnigkeit bedeutet, narzisstisch nur die eigenen Ziele im Blick zu haben und für sein eigenes Fortkommen zu arbeiten. Ein visionärer Leiter jedoch setzt die Ziele Gottes über seine eigenen und lebt dafür, die Erfüllung der göttlichen Vision, des göttlichen Planes, zu erleben und andere Menschen zu diesem Ziel zu führen.

2. Fähigkeit zur Resonanzgestaltung (Umgang mit Erwartung)

Ein geistlicher Leiter, der nicht eigensinnig ist, kennt die Bedürfnisse seiner Mitarbeiter und auch die jeweiligen Erwartungen der Einzelnen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass er sich ausschließlich von den Bedürfnissen der Mitarbeiter leiten lässt, sondern vielmehr sensibel darauf achtet, inwiefern die Bedürfnisse zum einen berechtigt sind und der Fürsorge bedürfen oder aber inwiefern die jeweiligen Bedürfnisse nicht dem Willen Gottes entsprechen und daher Korrektur notwendig ist.

3. Fähigkeit zum inneren Machtverzicht (Umgang mit Grenzen)

Ein nicht eigensinniger, geistlicher Leiter strebt nicht nach Macht oder Machterhalt, sondern er will, dass Jesus Christus verherrlicht wird und alle Macht erhält. Ein geistlicher Leiter lässt sich nicht von Allmachtsphantasien leiten und denkt nicht, dass alles allein von ihm abhängig ist. Ein geistlicher Leiter weiß sich in der Abhängigkeit zu dem allmächtigen Gott, dem alle Dinge möglich sind. Ein geistlicher Leiter kennt seine eigenen Grenzen, aber auch Gottes Möglichkeiten.

4. Fähigkeit zur Gestaltung partizipativer Räume (Umgang mit Verschiedenheiten)

Ein eigensinniger geistlicher Leiter will nur sich selbst und nicht seine Mitarbeiter fördern. Er lässt keinen Raum für die Entwicklung seiner Mitarbeiter und ihrer spezifischen Gaben. Ein guter geistlicher Leiter kennt die verschiedenen Geistesgaben, auch den fünffältigen, geistlichen Dienst (Epheser 4) und will andere Christen ermächtigen und ihnen Raum geben, dass sich ihre individuellen Gaben zum Wohl des Leibes Christi entwickeln können.

5. Fähigkeit zum Dissens (Umgang mit Abgrenzung)

Ein eigensinniger geistlicher Leiter sucht nur solche Situationen, die für ihn angenehm sind und geht unnötigen Konflikten aus dem Weg, es sei denn, es geht um die Umsetzung seiner eigenen Interessen. Ein guter geistlicher Leiter ist bereit, zu seiner eigenen Meinung zu stehen, auch wenn es unangenehm ist und ist bereit, Konflikten nicht aus dem Wege zu gehen. Ein guter geistlicher Leiter ist nicht auf temporäre Anerkennung aus, sondern darum, dass sich die Wahrheit langfristig und nachhaltig durchsetzt.

Ich denke, dass sich die o. g. Dimensionen gut mit dem Titustext in Verbindung bringen lassen und dieses Modell uns ein weiteres gutes Reflexionsschema an die Hand gibt. Amen.


Autor: Robin J. Malloy

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