»…niemand zu lästern, nicht streitsüchtig zu sein, milde zu sein, an allen Menschen alle Sanftmut zu erweisen…« (Titus 3,2)
Die ersten Verse des 3. Kapitels des Titusbriefes erinnern mich an die Seligpreisungen im Evangelium des Matthäus. Dort beschreibt uns Jesus die Wesensmerkmale der Kinder Gottes oder wie manche sagen, die „Verfassung“ des Königreiches Gottes. Zwei zentrale Aspekte dieser Seligpreisungen sind die Gerechtigkeit und die Sanftmut. Jesus Christus ist die Gerechtigkeit und Sanftmut in Person, wenn wir ihn „anziehen“, werden auch wir zu Frauen und Männern der Gerechtigkeit und der Sanftmut. Gerechtigkeit meint dabei die wirklich spürbare Veränderung der Gesellschaft nach dem Willen Gottes mit konkreten Ansatzpunkten, wie z. B. die Bekämpfung der Armut, der Unterdrückung der Schwachen und der Bekämpfung des Bösen.
Die Gerechtigkeit Gottes ist geistlicher Natur, aber auch gesellschaftlich konkret greifbar, sie ist göttlich und menschlich zugleich, sie kommt vom Himmel und verwirklicht sich auf Erden. Wir sollen der Gerechtigkeit Gottes nachjagen und uns für diese Gerechtigkeit Gottes auf Erden einsetzen. Dies tun wir jedoch nicht mit Mitteln der Gewalt, sondern durch die Sanftmut Jesu Christi. Was jedoch genau ist Sanftmut? Jemand beschrieb mir die Sanftmut als Feder, im Gegensatz zur Gewalt als schweres Metall. Sanftmut vertraut nicht in die eigene Kraft und Gewalt, sondern einzig und allein auf die Kraft und Gewalt Gottes. Sanftmut bedeutet, sich das Recht nicht selbst erstreiten oder erkämpfen zu müssen, sondern dass Gott sein Recht zur Durchsetzung bringt.
Häufig wird Sanftmut mit Schwachheit verwechselt oder in Verbindung gebracht, dies könnte verkehrter jedoch nicht sein. Die Sanftmut Christi ist gerade ein Ausdruck der vollkommenen Stärke und Autorität, denn durch diese vollkommene Stärke Gottes musste Christus nichts erkämpfen, sondern er empfing alles vom Vater. Sanftmut ist sich seiner eigenen Macht, Stärke und Autorität ganz und gar bewusst, jedoch wird diese Stärke mit Sanftheit eingesetzt, sie ist Mut zur Veränderung durch das Vertrauen in Gottes Stärke und nicht in die eigene Stärke. Das Geheimnis der Sanftmut liegt darin begründet, dass wir selbst loslassen, damit Gott übernehmen kann, dass nicht mehr wir selbst streiten, sondern dass wir Gott für uns streiten lassen.
Wir müssen nicht mit Menschen streiten oder gegen sie lästern, weil wir wissen, dass wir nicht gegen Fleisch und Blut, sondern gegen Mächte und Gewalten in der Himmelswelt kämpfen. Wir zeigen diesen Mächten gegenüber Härte und den Menschen gegenüber Sanftmut. Dies zu tun fällt selten leicht, doch wenn wir durch Sanftmut den Sieg erringen, sind wir einmal mehr davon überzeugt, wie großartig es ist, Gott kämpfen zu lassen, Menschen zu segnen und dann zu sehen, wie sich das Blatt zu unseren Gunsten und vor allen Dingen zu Gunsten des Königreiches Gottes wendet. Eigene Gewalt versucht große Dinge zu tun, Sanftmut will – so hat es Mutter Theresa ausgedrückt – die kleinen Dinge mit großer Liebe tun. Welch ein Anspruch! Dank sei Gott für seinen Geist, der das scheinbar Unmögliche möglich macht. Amen.
Autor: Robin J. Malloy
Schlagworte: Gerechtigkeit, Gesellschaft, Sanftmut
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