Selbstverwirklichung


»Ich hoffe aber im Herrn Jesus, Timotheus bald zu euch zu senden, damit auch ich guten Mutes sei, wenn ich um euer Ergehen weiß. Denn ich habe keinen ihm Gleichgesinnten, der aufrichtig für das Eure besorgt sein wird; denn alle suchen das Ihre, nicht das, was Jesu Christi ist.« (Philipper 2,19-21)

Schon gleich zu Beginn des Philipperbriefes verweist uns Paulus auf seinen Mitarbeiter Timotheus, den er als Mitverfasser des Briefes nennt. Dies allein räumt Timotheus einen besonderen Stellenwert ein, doch in der heutigen Bibelstelle geht Paulus noch einmal ganz konkret auf seinen wertvollen Mitarbeiter ein. Doch zunächst einmal noch einen weiteren Blick auf Paulus:

Immer wieder wird in dem Philipperbrief deutlich, dass er sein persönliches Wohlergehen nicht mit eigennützigen Bedürfnissen verbindet, sondern ganz und gar mit der Erfüllung seines Auftrages und dem Dienst an den Menschen. Auch wenn dies schon wiederholt thematisiert wurde, stellt sich auch heute für uns neu die Frage, womit wir unser persönliches Wohlergehen verbinden. Ich denke, dass dies eine Frage ist, die wir uns wirklich jeden Tag stellen sollten, um letztlich zu vermeiden, wieder in die Denk- und Verhaltensschemata der Welt zu verfallen.

Hängt unser Wohlergehen von unseren materiellen und finanziellen Umständen ab? Davon, wie sehr wir von den Menschen anerkannt werden oder wie sehr wir uns selbst verwirklichen können? Diese Selbstverwirklichung kann jedoch in zweifacher Art und Weise gedacht sein. Wenn unsere Selbstverwirklichung darin besteht, Christus zu verherrlichen, d. h. die Selbstverwirklichung sich einer Christusverwirklichung annähert, dann kann auch der Begriff Selbstverwirklichung positiv gesehen werden. Ansonsten meint Selbstverwirklichung die Umsetzung eigennütziger, sündhafter und letztlich gottloser Begierden, Leidenschaften und Interessen.

Die Christusverwirklichung hat nichts mit falscher Demut oder Antriebslosigkeit zu tun. Paulus war – wie wir unschwer feststellen können – ein sehr motivierter und „ehrgeiziger“ Mann, der seine Ziele unbedingt verfolgen und erreichen wollte. Nur lag der Ehrgeiz letztlich darin, dass durch seinen Dienst Christus die Ehre zuteil wurde. Er geizte also nicht mit der Ehre, sondern er gab alle Ehre Gott. Paulus sah die Philipper so sehr als sein Werk an, er war so sehr in den Dienst an ihnen involviert, dass sein Gemütszustand davon abhing, wie es ihnen ging. Um noch mal an die Eingangsfrage anzuknüpfen: Was bestimmt in der Regel meinen Gemütszustand in meinem Alltag? Hat dieser Gemütszustand überhaupt irgendetwas mit dem Evangelium zu tun?

Weil Paulus solch einen „Eifer“ oder solch eine Hingabe für die Sache Christi und die Gemeinde hatte, war es ihm wichtig, Menschen zu fördern und Menschen in die Mitarbeit einzubinden, die eben solch eine Gesinnung wie er hatten. Dabei konnte es passieren, dass er phasenweise die Mitarbeit aufkündigte, wenn sich jemand als zu selbstbezogen oder zögerlich erwies (wie z. B. Johannes Markus). In Timotheus jedoch fand Paulus solch einen Gleichgesinnten, der ebenso wie Paulus um die Sache Christi, um die Gemeinde, besorgt war. Er weist sogar darauf hin, dass er keinen anderen wie Timotheus kennt, der ihm in dieser Hinsicht so gleich gesinnt wäre und kommt sogar zu dem traurigen Ergebnis, dass ansonsten alle das Ihre suchen (Selbstverwirklichung), anstatt das, was Jesu Christi ist (Christusverwirklichung).

Klingt dies in unseren Ohren hart oder überheblich? Dann könnte dies ein Hinweis darauf sein, dass tief in uns unser Stolz berührt ist und wir unsere Bequemlichkeit und Ich-Zentriertheit leugnen, verdrängen oder rechtfertigen wollen. Gleich wie hingegeben wir auch sind, es dürfte uns niemals schwer fallen einzuräumen, dass es immer noch „weniger von uns“ und „mehr von Christus geben kann“. Nicht wahr? Amen.


Autor: Robin J. Malloy

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