Stop-and-Think-Schleife


»Ihr wisst doch, meine geliebten Brüder: Jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn! Denn eines Mannes Zorn wirkt nicht Gottes Gerechtigkeit.« (Jakobus 1,19-21)

Der Jakobusbrief stellt eine geeignete Hilfe für uns dar, unser Herz zu prüfen. Wir erinnern uns, dass Jakobus davon spricht, dass unser Herz die Wurzeln der Sünde in uns trägt und es gilt, die Anknüpfungspunkte für die Versuchungen in unserem Herzen vom Heiligen Geist offenbaren und beseitigen zu lassen. Von besonderer Bedeutung in dieser Hinsicht ist noch die Verbindung zwischen dem Herzen und unserem Mund, wie es selbst Jesus hervorhebt:

»Was aber aus dem Mund herausgeht, kommt aus dem Herzen hervor, und das verunreinigt den Menschen.« (Matthäus 15,18)

Mit dem Herzen im jüdischen Kontext ist der Sitz der Seele mitsamt dem Verstand, den Emotionen und dem Willen gemeint. Das Herz meint also nicht nur die Gefühle, sondern geht im jüdischen Sinne weit darüber hinaus. Das jüdische Herz ist das Schaltzentrum des Menschen, das sowohl die Gefühle als auch die Ratio umfasst. Das jüdische Menschenbild kann im Gegensatz zum griechischen als ganzheitlicher bezeichnet werden, die klassische Trennung zwischen Körper, Seele und Geist ist nicht typisch jüdisch. Der Mensch ist hier eine untrennbare Einheit zwischen diesen drei Entitäten und das Herz ist das Zentrum als Schnittmenge von Verstand, Willen und Gefühl. Alles nun, was aus diesem Herzen hinauskommt, äußert sich in Gefühlen, Gedanken und auch Worten.

Das jüdische Verständnis des Herzens und des Menschen insgesamt kommt den modernen neurobiologischen Erkenntnissen viel näher als die durch die Jahrhunderte favorisierte klassische Trennung zwischen Kognition und Emotion, zwischen Körper und Geist. Fakt ist, dass Kognition und Emotion des Menschen nicht zu trennen sind und die Emotionen den Menschen weit stärker beeinflussen als jemals angenommen. Darüber hinaus kann die klassische Trennung zwischen dem Körper und dem Geist des Menschen nicht aufrechterhalten werden. Gott schuf den Menschen als eine vollkommene Einheit! Zwar ist der Leib sterblich geworden, aber gedacht war der Mensch von Anbeginn an nicht als rein geistliches Wesen. Deshalb werden wir – wenn auch unverweslich – einen neuen Leib erhalten und nicht Geistwesen werden. Die Dichotomie – die Trennung zwischen Seele und Körper – ist nicht biblisch und schon Martin Luther verurteilte sie als Gräuel. Sie führt nur zu einer Entfremdung des Menschen von seinem Körper und einer Abneigung gegen das, was Gott schuf. Teilweise wurde die christliche Lehre hier von griechischen Philosophien und der Gnosis durchdrungen, die den Körper als etwas Schlechtes, und nur den „Geist“ als etwas Gutes ansahen.

Dieser kleine Exkurs diente dazu aufzuzeigen, dass wir immer wieder von bestimmten Lehren beeinflusst werden, ohne zu merken, dass sie gar nicht der Bibel entsprechen. Aus jüdischer Sicht ist der Mensch immer eine untrennbare Einheit zwischen der Kognition, der Emotion und dem Körper und Ziel des Geistes ist es, all diese Bereiche des Menschen zu transformieren und der Ansatzpunkt dazu ist das Herz als Typus für die Schnittmenge aller drei Aspekte.

Der heutige Andachtstext ist – obwohl er fast 2000 Jahre alt ist – topaktuell und greift unmittelbar in die neuen Entwicklungen der Pädagogik und Psychologie ein. Jakobus rät uns, langsam im Reden, schnell zum Hören und langsam zum Zorn zu sein. Hiermit zeigt er uns eine konkrete „Technik“ auf, mit der wir unsere „selbstreflexive Kompetenz“ steigern und uns selbst vor der Versuchung zur Sünde schützen können. Was Jakobus hier empfiehlt, wird in der modernen Erwachsenenpädagogik als „Stop-and-Think-Schleife“ bezeichnet. Bevor wir den Gedanken, Worten und Gefühlsausdrücken freien Lauf lassen, sollten wir innehalten und überlegen:

  1. Worauf basieren meine Gedanken, die ich habe?
  2. Warum fühle ich so?
  3. Wie reagiert ggf. mein Körper und welche Ursache hat dies?
  4. Was offenbaren die Worte, die ich sagen will, über mein Herz?
  5. Spiegeln meine Gedanken, meine Gefühle und meine Worte in diesem Augenblick das Wesen Christi wider?

Wenn wir uns dann neu auf Christus und sein Wort ausrichten, können wir unsere Gedanken und Gefühle an dem Wort prüfen und durch das Wort und das Wirken des Geistes verändern lassen. Diese Transformation des Herzens ist ein kontinuierlicher Prozess, aber er beginnt mit kleinen Schritten, wie dieser von Jakobus vorgeschlagenen Stop-and-Think-Schleife. Sie kann helfen, sündhafte Impulse wie Zorn, Bitterkeit, Wut, Eifersucht, Hader etc. aufzudecken, bevor sie sich über den Mund den Weg in die Welt gebahnt haben und so schwierig einzufangen sind, wie Federn im Wind! Amen.


Autor: Robin J. Malloy

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