Umgang mit emotionalen Wunden


»Denn der Aufseher muss untadelig sein als Gottes Verwalter, nicht eigenmächtig, nicht jähzornig, nicht dem Wein ergeben, nicht ein Schläger, nicht schändlichem Gewinn nachgehend, sondern gastfrei, das Gute liebend, besonnen, gerecht, heilig, enthaltsam, der an dem der Lehre gemäßen zuverlässigen Wort festhält, damit er fähig sei, sowohl mit der gesunden Lehre zu ermahnen als auch die Widersprechenden zu überführen.« (Titus 1,7-9)

Bisher haben wir uns im Zusammenhang mit dem o. g. Andachtstext lediglich mit dem Wesensmerkmal eigensinnig oder eigenmächtig auseinander gesetzt. Weitere Merkmale, die Paulus nennt, sind nicht jähzornig zu sein, nicht dem Wein ergeben und nicht ein Schläger zu sein. Ich möchte diese Merkmale unter dem Oberthema emotionale Intelligenz oder emotionale Kompetenz zusammenfassen. Geistliche Leiter sind nicht frei von Sünde und Sünde resultiert sehr häufig aus einer Wurzel des Mangels oder der Bitterkeit. Durch unsere Entfremdung von Gott, haben wir uns als Menschen auch voneinander entfremdet, so dass die Familien häufig nicht mehr ein Ort der Geborgenheit und Liebe sind. Kinder lernen zu lieben, indem sie geliebt werden; ist dies nicht der Fall, verkümmern Kinder emotional und bilden emotionale und charakterliche Störungen aus, die sie nur sehr schwer selbst bewältigen können.

Kein Mensch ist frei von emotionalen Verletzungen und emotionalen Mangelerfahrungen, die wiederum zu negativen Emotionen führen können, die unsere Beziehungen als Erwachsene nachhaltig stören können. Emotionale Kompetenz oder emotionale Intelligenz bedeutet, emotional einfühlsam mit Menschen umgehen zu können, die Gefühle anderer wahrzunehmen, zu berücksichtigen, zu respektieren und ggf. liebevoll bei der Bewältigung negativer Gefühle zu unterstützen. Dies alles setzt jedoch voraus, dass die eigenen Gefühle erkannt, verstanden und ggf. akzeptiert oder reguliert werden können. Emotionale Intelligenz bezieht sich somit zu einem hohen Grad immer auch auf die selbstreflexive und selbstregulative Kompetenz.

Das Gegenteil dieser Kompetenz ist, seinen negativen Gefühlen und der daraus folgenden verheerenden Wirkung auf die persönlichen Beziehungen freien Lauf zu lassen, wie es typisch für eine jähzornige Person ist oder gar die negativen Gefühle in zerstörerische Handlungen übergehen zu lassen, wie bei einem Schläger. Eine andere, nicht kompetente Art und Weise des Umgangs mit den eigenen Emotionen ist, diese zu verdrängen oder in Alkohol zu ertränken. Alkoholismus ist immer eine schlecht gewählte Strategie zum Umgang mit negativen Emotionen. Ein guter geistlicher Leiter sollte emotional intelligent sein, im Sinne von offen dafür, sich von dem Heiligen Geist die innersten emotionalen Wunden und Dynamiken zeigen zu lassen, die Ursache dafür zu verstehen und sich von diesen Wunden heilen zu lassen.

Ein guter geistlicher Leiter lässt sich nicht von seinen negativen Gefühlen bestimmen, versucht nicht, diese zu verdrängen oder mit Alkohol zu übertünchen. Ein guter geistlicher Leiter kennt die hohe Bedeutung der Emotionen und verfügt über selbstreflexive und selbstregulative Kompetenz, wobei das Selbst des geistlichen Leiters immer seinen Ausgangs- und Endpunkt in Christus hat, von dem alle emotionale Wiederherstellung kommt. Amen.


Autor: Robin J. Malloy

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