Unsere Identität als Kinder Gottes


»Denn wenn jemand ein Hörer des Wortes ist und nicht ein Täter, der gleicht einem Mann, der sein natürliches Gesicht in einem Spiegel betrachtet. Denn er hat sich selbst betrachtet und ist weggegangen, und er hat sogleich vergessen, wie er beschaffen war.« (Jakobus 1,23-24)

Bei der Betrachtung des heutigen Andachtstextes ist mir sogleich ein Wort aus dem Propheten Jesaja in den Sinn gekommen:

Hört auf mich, die ihr der Gerechtigkeit nachjagt, die ihr den HERRN sucht! Blickt hin auf den Felsen, aus dem ihr gehauen, und auf den Brunnenschacht, aus dem ihr gegraben seid! (Jesaja 51,1)

Meines Erachtens thematisieren beide Bibelstellen dasselbe und beide offenbaren ein Geheimnis im Zusammenhang mit dem Wort Gottes: unsere Identität, unsere Persönlichkeit ist als Kind Gottes unmittelbar mit dem Wort Gottes verwoben. Der Andachtstext macht dieses Geheimnis durch einen Vergleich deutlich. Ein Mann blickt in einen Spiegel, um sich selbst zu betrachten. In dem Augenblick jedoch, in dem er sein Angesicht von dem Spiegel abgewandt hat, hat er schon vergessen, wie er aussieht. Wie kann dies passieren? Wir alle wissen, dass solch eine Tatsache für einen schweren Gedächtnisfehler oder andere mentale Erkrankungen sprechen würde. Eine Person, die über solch einen Mangel an „Ich-Empfindung“ oder Kontinuität und Kohärenz der Identität verfügt, würde es sehr schwer haben, im Alltag zurecht zu kommen und sein Leben zu gestalten.

Jakobus sagt, dass ein Mensch, der das Wort Gottes hört und es nicht tut, genauso(!) ist, wie der oben beschriebene Mann. Wer das Wort hört, es aber zu tun vergisst, ist ebenso in sich gespalten und vergisst ebenso seine Identität und verliert sein (neues) Wesen ebenso aus dem Blick wie der Mann, der nicht mehr weiß, wie er aussieht. Der Mann, der vergisst, wie er aussieht, kennt sich selbst nicht. Wer das Wort hört, aber es vergisst zu tun, kennt Gott nicht und damit auch nicht seine eigene Identität. Hier wird deutlich, worum es eigentlich geht: das Wort Gottes sagt uns nicht, was wir tun sollen, sondern wer wir sind! Alle Gebote, Ermahnungen, Ermutigungen, alle Lehren wollen uns einen Aufschluss über Gottes Wesen und unser neues Wesen, also unser Herz geben. Wer wir in Gott sind, wird dann bestimmen, was wir Denken, Reden und wie wir handeln.

Wenn es also so schwer fällt, das zu tun, was Gott will, dann liegt es daran, dass wir nicht genau wissen – oder besser gesagt: wir noch nicht verinnerlicht haben – wer wir sind, wessen Wesen wir an uns und wessen Geist wir in uns tragen. Das eigentliche Geheimnis ist, dass das Wort Gottes uns nicht sagen will, was wir tun sollen, sondern vielmehr, was Gott in uns tun will. Wenn uns also Paulus oder Jakobus ermahnen, dann zeigt dies auf, wie wir eigentlich schon sind, bzw. wie wir sind, weil bzw. wenn wir das Wesen Gottes an uns tragen. Uns wird unsere eigentliche und wahre(!) Identität vor Augen geführt, die wir im ersten Schritt im Glauben annehmen und im zweiten Schritt durch den Geist in unserem Herzen entfalten lassen dürfen. So durfte ich als junger Christ lernen, dass Christsein nicht bedeutet, den alten Menschen zu verändern, sondern den neuen Menschen in uns wachsen zu lassen!

Je mehr wir im Wort lesen, desto mehr erkennen wir, wer wir eigentlich sind. Genau das verdeutlicht auch das Wort des Propheten Jesaja: Wir sollen auf Gott hören, seiner Gerechtigkeit nachjagen und den Herrn suchen. Dort wo wir im Gebet aber auch beim Studium des Wortes Gottes auf Gott schauen, blicken wir auf den Felsen, aus dem wir gehauen worden sind und den Brunnenschacht, aus dem wir gegraben worden sind. Um es bildhaft zu verdeutlichen: wenn wir die Bibel in der Hand halten, um daraus zu lesen, dann schauen wir auf den Stoff, aus dem wir geschaffen sind: Geist und Wort. Das Wort Gottes offenbart uns unsere wahre Natur, es zeigt uns unsere neue Beschaffenheit in Christus auf: wir sind heilig, gerecht und neu!

Wir müssten den berühmten Satz: „Ich denke, also bin ich!“ ändern in „Gott spricht, also bin ich!“ Wir brauchen ein durch die transformative Kraft des Wortes Gottes erneuertes Denken in dem Sinne von:

  • „Ich bin das, was Gott von mir sagt!“,
  • „Ich habe das, was Gott mir zuspricht!“,
  • „Ich tue das, was Gott von mir verlangt!“, weil
  • „Ich fähig bin durch das, was Gott in mir anlegt!“

Alles in allem ist meine Identität in Gott verborgen und das Wort Gottes offenbart mir meine Identität. Mehr noch: durch das schöpferische Wort Gottes wird meine neue Identität ins Leben gerufen! Amen.


Autor: Robin J. Malloy

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