»Nicht dass ich es schon ergriffen habe oder schon vollendet bin; ich jage ihm aber nach, ob ich es auch ergreifen möge, weil ich auch von Christus Jesus ergriffen bin.« (Philipper 3,12)
Bei dem heutigen Andachtstext handelt es sich um eines meiner „Lieblingsworte“, weil es in solch kurzer Form eine derart präzise und umfassende Darstellung dessen gibt, was Gnade, Glaube und unsere Verantwortung eigentlich bedeutet. Es sind drei Elemente, die diese Zusammenfassung ausmachen:
1. „Nicht, dass ich es schon ergriffen habe oder schon vollendet bin …“
Paulus denkt nicht zu hoch von sich selbst, sondern er demütigt sich unter die mächtige Hand Gottes. Er weiß um seine Sündhaftigkeit und seine Begrenztheit. Obwohl er schon so viel mit Gott erleben durfte, obwohl er schon so viel Erkenntnis und geistliche Begabung erlangt hatte, weiß er, dass er Christus noch nicht in Gänze ergriffen hat. Er wiegt sich nicht in einer falschen Selbstsicherheit, Lauheit oder Gleichgültigkeit, sondern er betrachtet sich selbstkritisch. Er gibt sich nicht mit dem zufrieden, was er bereits ergriffen hat, sondern setzt seine Leidenschaft darein, mehr von Christus zu ergreifen:
2. „… ich jage ihm aber nach, ob ich es auch ergreifen möge …“
Die Erkenntnis der eigenen Unvollkommenheit führt bei Paulus nicht dazu, dass er in dieser Situation verharrt oder sie gar als Entschuldigung für eine mangelnde Veränderungsbereitschaft missbraucht. Paulus ist zwar noch nicht vollendet und hat die volle Erkenntnis der Auferstehungsmacht, der Gemeinschaft des Leidens sowie der Gleichgestaltung in den Tod Christi noch nicht erreicht, aber er jagt Christus nach, damit er es ergreifen möge. Viele Christen berufen sich auf ihre Schwächen ohne dabei von der wirklichen Leidenschaft bestimmt zu sein, von Christi Stärken durchdrungen zu werden. In diesem Augenblick werden die Schwächen pathologisch, d. h., es wird zu einem Teil der Persönlichkeitsstruktur, sein Leid zu klagen oder Faulheit zu rechtfertigen. Wir sind unvollkommen, sollen aber die Vollkommenheit anstreben. Wichtig ist hierbei jedoch der nächste Aspekt. Wir streben nicht nach der Vollkommenheit aus eigener menschlicher – d. h. fleischlicher oder seelischer – Kraft, sondern aus der Kraft, die uns aus Gnade durch den Heiligen Geist zugeteilt wurde:
3. „… weil ich auch von Christus ergriffen bin.“
Nicht wir haben Christus erwählt, sondern er hat uns erwählt. Die Gnade und der Glaube werden nicht durch die Vollkommenheit erreicht, sondern durch die Gnade und den Glauben erreichen wir die Vollkommenheit. Die Christusergriffenheit kann gleichgesetzt werden mit der Herrschaft des Heiligen Geistes über einen Menschen. Wenn der Heilige Geist uns lehrt und leitet, wenn wir seinen Impulsen folgen, wenn wir von seiner Liebe, Freude und Kraft erfüllt sind, nimmt Christus in uns Gestalt an und wir werden von ihm ergriffen. Wir streben also nicht die Vollkommenheit an, um ein Kind Gottes zu werden und um von dem Heiligen Geist erfüllt zu werden, sondern weil wir mit Gottes Geist und seinen Gaben beschenkt worden sind, streben wir die Vollkommenheit an.
Ein Christ, der wie oben beschrieben nicht die Leidenschaft für die Veränderungen hat, der nicht ersehnt, dass Christi Stärke in der Schwachheit mächtig wird, muss sich die Frage stellen, ob er noch immer von Christus ergriffen ist. Von Christus ergriffen sein, kann ich nur, wenn ich kontinuierlich aus seiner Gegenwart heraus lebe, dem Heiligen Geist in meinem Leben Raum lasse und mich auf sein Wirken einlasse. Wer das tut, wird jeden Tag etwas Neues von Christus erkennen und wird niemals das Empfinden haben, alles ergriffen zu haben.
Wenn mein Glaube jedoch zu einer leeren Hülle wird oder zu leblosen Formen – ohne Intimität mit Christus – erstarrt, desto mehr drängt sich das Empfinden auf, bereits alles be- oder ergriffen zu haben. Gleichzeitig fällt damit einhergehend die Sensibilität gegenüber dem Geist Gottes weg, es liegt kein Streben nach seinen Gaben und seiner Kraft mehr vor und das Wachstum verwandelt sich hin zu einem Schrumpfen zu mehr Schwäche. Gerade derjenige, der meint, Christus ergriffen zu haben, verschließt sich der Quelle der Erkenntnis und wird dadurch nur noch unvollkommener.
Wir dürfen uns heute deshalb selbstkritisch fragen: „Meine ich, Christus schon ergriffen zu haben?“, „Jage ich der Vollkommenheit mit allem, was in mir ist, nach?“ und „Bin ich noch immer von Christus, dem Auferstandenen, ergriffen oder ist mein Glaube zu einer leblosen Form erstarrt?“ Wenn wir dies ehrlich reflektieren, eröffnen wir uns die Chance der Erweckung und Erneuerung noch heute! Amen.
Autor: Robin J. Malloy
Schlagworte: Leidenschaft, Schwachheit, Veränderung, Vollkommenheit
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