»… indem ich nicht meine Gerechtigkeit habe, die aus dem Gesetz ist, sondern die durch den Glauben an Christus, die Gerechtigkeit aus Gott aufgrund des Glaubens – um ihn und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden zu erkennen, indem ich seinem Tod gleichgestaltet werde, ob ich irgendwie hingelangen möge zur Auferstehung aus den Toten.« (Philipper 3,9-11)
Paulus hat in radikaler Weise erlebt und verstanden, dass er die Gerechtigkeit vor Gott nicht aus eigener Kraft erwirken kann. Diese Erkenntnis ist deshalb so bemerkenswert, weil sie im völligen Kontrast zu dem religiösen Eifer des Paulus als Pharisäer steht. Die strikte Befolgung des Gesetzes hat es Paulus nicht ermöglicht, die Gerechtigkeit aus Gott zu erlangen, sondern einzig und allein sein Glaube an Jesus Christus. Dieses Erlangen der Gerechtigkeit vor Gott nennen wir seit Martin Luther die Rechtfertigung durch den Glauben.
Damit meinen wir, dass wir durch diese Rechtfertigung nicht in das Gericht übergehen, sondern das ewige Leben haben. Diese Rechtfertigung ist für uns somit ein situativer Akt der Rettung von dem Gericht sowie das Geschenk des ewigen Lebens. Ist jedoch hiermit bereits in Gänze erfasst, was die Rechtfertigung bedeutet? Ist dies schon alles, was damit gemeint ist, dass wir die Gerechtigkeit aus Gott erlangen? Meines Erachtens nicht. Im jüdischen Kontext ist die Gerechtigkeit immer zwingend mit einem gerechten Handeln verbunden. Somit bedeutet Gerechtigkeit bei Gott zu erlangen, nicht allein gerechtfertigt zu sein, sondern auch ein gerechtes Leben zu führen. Nicht ein Handeln für die Rettung, aber zwingend die Handlung aufgrund der Rettung.
Ich glaube, dass die Gerechtigkeit vor Gott in der Anschauung vieler Christen als Rechtfertigung im Sinne eines einmaligen „Freispruchs“ viel zu kurz greift und zu einer Jüngerschaft führt,
- die mit Bekehrung ein Hingabegebet meint und
- eine leidenschaftslose Nachfolge bewirkt und
- die letztlich nicht Gerechtigkeit übt oder sich für Gerechtigkeit einsetzt.
Eine wirkliche Gerechtigkeit vor Gott ist meines Erachtens nicht ein durch ein einmaliges Gebet erreichter Status, sondern ein Leben, das Gerechtigkeit hervorbringt. Jakobus sagt, dass der Glaube ohne Werke tot ist. Genauso wenig, wie ich ohne den Glauben Gerechtigkeit erlangen kann, gibt es keine Gerechtigkeit, die keine Werke hervorbringt.
Für mich sind die Worte des heutigen Andachtstextes von sehr hoher Bedeutung, weil sie meines Erachtens dieses falsche Verständnis von Gerechtigkeit (ausschließlich im Sinne von Erlösung für den Himmel) und Glauben (im Sinne eines kognitiven „Fürwahrhaltens“ sowie einer einzigen situativen Entscheidung) korrigiert. Paulus erläutert genau, was er mit Glauben meint, der Gerechtigkeit hervorbringt: Glauben bedeutet,
- die Kraft seiner Auferstehung zu erkennen.
- die Gemeinschaft seiner Leiden zu erkennen.
- in seinem (Christi) Tod gleichgestaltet zu werden.
Dies revolutioniert das Prinzip des Glaubens und der Rechtfertigung. Ein Glauben, der wirklich gerecht macht im Sinne Gottes, ist ein Erkennen der Kraft der Auferstehung, weil es diese Kraft ist, welche die Werke Gottes in uns hervorruft. Ein Glaube, der wirklich gerecht macht, ist ein Glaube, der bereit ist, an Christi Leiden teilzunehmen, denn wirklich gelebte Gerechtigkeit ruft Verfolgung hervor (siehe die Seligpreisungen). Weiterhin bedeutet der Glaube, der gerecht macht, dass wir in Christi Tod gleichgestaltet werden, d. h. der Welt zu sterben, um für Gott zu leben.
Ein solcher Glaube hat nichts mit einer kognitiven Bekehrung zu tun mit anschließendem „business as usual“, sondern dies ist ein wirklich transformierender und somit allumfassend gerechtmachender Glaube. Amen.
Autor: Robin J. Malloy
Schlagworte: Gerechtigkeit, Gesetz, Glaube, Rechtfertigung, Werke
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